Registrierung Kalender Tigerforum-Chat Häufig gestellte Fragen Suche Mitgliederliste Moderatoren und Administratoren Statistik Database Galerie TopListe Glossar Startseite
Tigerforum » Allgemeines » andere Räuber, Jäger, Tiere... » Forschung » Gemeinsinn ein Evergreen » Hallo Gast [registrieren|anmelden]
« Vorheriges Thema Nächstes Thema » Druckvorschau | An Freund senden | Thema abonnieren | Glossareintrag vorschlagen
Antwort erstellen Neues Thema erstellen
Autor
Beitrag
Sesshoumaru
sama




Dabei seit: Januar 2002
Herkunft: Deutschland
Bayern (DE)
Beiträge: 2462
Sesshoumaru ist offline
Themenstarter Dieses Thema wurde von Sesshoumaru gestartet
Gemeinsinn ein EvergreenAntwort mit Zitat Beitrag editieren/löschen Nach weiteren Beiträge von  suchen Diesen Beitrag einem Moderator melden        IP Adresse Zum Anfang der Seite springen

Gemeinsinn ein Evergreen
Von Joachim Müller-Jung

22. Dezember 2003 Wenn Biologen über so edelmütige Gesten wie Gemeinschaftsgeist, Brüderlichkeit oder Korpsgeist unter Tieren berichten, provozieren sie jenseits ihrer naturwissenschaftlichen Zirkel auch heute noch heftige Reaktionen.

Hat uns nicht die Biologie und zumal die Soziobiologie gelehrt, daß der Mensch wie das Tier in seinem Verhalten vor allem von egoistischen Genen angetrieben und vom niederträchtigen Sozialdarwinismus beseelt sei? War es nicht hier, wo sie einmal mehr ihr häßliches Gesicht zeigte: Eigensinn als die biologische Wurzel - die Wurzel allen Übels gewissermaßen -, die letzen Endes nur durch das humanistische, gemeinschaftliche Streben der menschlichen Kultur besiegt werden kann? Soviel soziale Kälte im Tierreich wäre fürwahr auch dem größten Neodarwinisten ein Graus. Der Soziobiologe fragt deshalb gerne kaltschnäuzig zurück: Wo soll denn die soziale Wärme, die wir an so beseelten Festtagen wie diesen schätzen, anders herkommen als von unseren Vorfahren - den ältesten, also auch prähominiden Vorfahren?

"Kooperation bei Primaten und Menschen"

Die moderne evolutionsorientierte Verhaltensforschung jedenfalls bäumt sich zusammen mit der Psychologie ersichtlich gegen ihre Kritiker auf. Mehr denn je sogar möchte man sagen, wenn man die Berichte und Diskussionen auf den diesjährigen Göttinger Freilandtagen des Deutschen Primatenzentrums auf einen Nenner bringen will. Dort haben sich passend zur besinnlichen Adventszzeit Affenforscher und Anthropologen unlängst über ihre Beobachtungen von "Kooperation bei Primaten und Menschen" ausgetauscht. Ihr Fazit: Gemeinsinn ist ebensowenig exklusiver Bestandteil menschlicher Moral wie biologischer Zufall. Wer, wie manche Kritiker, die animalischen Bündnisse als bloßes Nebenprodukt der sozialen Lebensweise - gewissermaßen aus dem zufälligen Nebeneinander der Individuen - zu verstehen versucht, scheitert an zahlreichen beeindruckenden Beispielen aus der Tierwelt.

Entscheidend ist, daß solche Wahlbekanntschaften auch im Tierreich keinesfalls, wie es Hamiltons wichtige Theorie der Verwandtenselektion nahelegt, ausschließlich unter genetisch nahestehenden Mitgliedern möglich sind. Altruistische Verwandtengesellschaften sind zwar häufig und beeindrucken durch die Aufopferungsbereitschaft aller Beteiligten, wie etwa die Göttinger Primatologen Peter Kappeler und Manfred Eberle bei den in Baumhöhlen gemeinschaftlich "brütenden" Mausmakis in Madagaskar beobachten und zum ersten Mal filmen konnten. Die Tiere sind aber an solche genetischen Bande keinesfalls gebunden. Der Schimpansenforscher Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat nachgewiesen, daß die in einigen westafrikanischen Gegegenden verbreiteten Jagdverbände männlicher Schimpansen fast ausnahmslos aus nichtverwandten Truppmitgliedern aufgebaut sind. Die Affen, sagt Boesch, haben erkannt, daß sich der Jagderfolg durch Kooperation merklich steigern läßt und kümmern sich wenig um Verwandtschaftsverhältnisse.

Tierischer Gemeinsinn

Von tierischem Gemeinsinn, der weit über solche Zweckbündnisse hinausgeht, berichtete Frans de Waal von der Emory University in Atlanta, der seit vielen Jahren wegen seiner experimentellen Verhaltensstudien mit Zwergschimpansen bekannt ist. Er hat in Göttingen sogar ein historisches Zeugnis tierischen Gemeinschaftsgeistes präsentiert. In einem aus dem Jahre 1937 stammenden Film des amerikanischen Primatenforschers Meredith Crawford werden zwei Schimpansen gezeigt, die sich in einer Kiste hockend über die Beschaffung eines Futtertroges verständigen. An den Trog ist nur durch gemeinsames Ziehen an zwei Seilen zu kommen. Faszinierend an dem Filmdokument ist weniger die Tatsache, daß die beiden sich schließlich zusammentun, um die Aufgabe zu bewältigen, als vielmehr die Art und Weise, wie der hungrigere der beiden seinen offenkundig satten und unmotivierten Kooperationspartner mit Gesten und am Ende mit einer saftigen Belohnung dazu bringt, sich allen Unwillen zum Trotz der gemeinsamen Sache zu widmen.

Unter Menschenaffen, davon ist de Waal überzeugt, sind Motive für Kooperationen verbreitet, die über die beim Menschen häufigste symmetrische Beziehung hinaus ("Wir sind Freunde"), auch moralisch durchaus "anspruchsvolle" Bedingungen erfüllen, etwa solche nach dem Muster: "Wenn du nett, tolerant und kooperativ zu anderen und mir bist, bin ich es auch." Solche Wahlverwandtschaften hat de Waal jüngst auch bei Kapuzineraffen beobachtet. Durch sie kann auf indirekte Weise die Zusammenarbeit gefördert werden - ein ähnlicher Mechanismus, wie ihn der Evolutionsökologe Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön bei Experimenten mit Studenten untersucht hat.

Reputation als Währung im sozialen Gefüge

ooperationswillige Menschen bauen sich einen Ruf auf, eine Reputation, die gleichsam wie eine Währung im sozialen Gefüge gehandelt wird - nach dem Motto: Wer für Unicef spendet, bekommt auch von mir eine größere Belohnung. Belohnung und Geschenke scheinen überhaupt, wie Simon Gächter von der Universität St. Gallen berichtete, ein probates Mittel, das nicht selten durch Trittbrettfahrer unterminierte Gefüge einer Gemeinschaft wiederherzustellen. Die Gruppe um den Schweizer Psychologen hat das bei Experimenten mit Studenten eindrucksvoll zeigen können. Als ein noch viel probateres Mittel freilich, die Kooperation zu fördern, hat sich bei diesen Versuchen die Möglichkeit erweisen, die sozialen Schmarotzer zu bestrafen. Die Bestrafung lohnt sich, denn sie bringt, selbst wenn sie für die Kooperationswilligen kostspielig ist und deshalb Überwindung bedarf, die Trittbrettfahrer schnell wieder auf den Pfad der Tugend.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Quelle: FAZ


__________________
Sesshoumaru-sama, Lord of the Western Lands
GVD

23.12.2003, 12:37
Profil von Füge  deiner Freunde-Liste hinzu Email an Sesshoumaru senden Homepage von Sesshoumaru Schicke Sesshoumaru eine ICQ-Nachricht  
  « Vorheriges Thema Nächstes Thema » Standard | Brettstruktur | Baumstruktur
Antwort erstellen Neues Thema erstellen
Gehe zu:

Powered by: Burning Board 1.1.1 © 2001 WoltLab GbR
Code-, Style- und Templateanpassung © 2004 by Sesshoumaru
Seitenabrufe pro Tag im Durschschnitt: 14744.99
.: Kontakt :. | .: Impressum / Disclaimer :.