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Tapion
Jungwolf



Dabei seit: Oktober 2003
Herkunft: Aus dem Tal der Wunder
Hessen (DE)
Beiträge: 65
Tapion ist offline
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wieso 'verschwendest' du gedanken daran?
verschwendung ist sich vor den fernseher zu setzten und irgendwelchen zusammengereimten schwachsinn anzusehen welcher dem irrsinnigem gehirn eines menschen entstanden ist. aber ich sehe es als keine verschwendung an sich über dieses thema der 'freiheit' auszulassen. das ist es doch gerade, darüber wird in so vielen bücher geschrieben, in fernsehsendungen geredet und nun auch hier diskutiert.
die frage ist meist die gleiche- was ist freiheit?
ein einfaches nichts in dem wir 'hingehen' können wohin wir wollen? -das glaube ich nicht. 'frei' sind wir in unseren träumen, denn da kann man wirklich >alles<.
doch nun bleiben wir in der realität, wir werden nie ohne jegliche hilfsmittel hinfortfliegen können!
hier geht es um die freiheit des 'drucksystems' der menschen. doch was hilft weglaufen? man kann sich schon diesem system entziehen, doch man wird spätestens auf es zurückgreifen wenn es um die nahrung geht. denn wenn man nicht klauen will muss man geld verdien und da klingt man sich wieder ein. man lernt leute kennen- immer und immer wieder. und man möchte ja auch nicht immer nur umherwandern- dann sucht man sich einen festen sitz. und im nu geht alles wieder von vorne los, also wie soll man dieses 'frei' definieren, wenn es nur für so kurze zeit währt?


__________________
Gekommen, um alles informative in sich aufzusaugen und ein Leben lang wie einen Schatz zu hüten.
DasLebenist einKreislauf.Alles fängt einmal wieder vonVornean.

Dieser Beitrag wurde von Tapion am 18.11.2003, 19:17 Uhr editiert.

18.11.2003, 19:13
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Thealon
Tripel-As




Dabei seit: April 2003
Herkunft: Wo immer meine Phantasie mich hinführt

Beiträge: 179
Thealon ist offline
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Und es ist doch ein Unterschied. Es stimmt, dass die Unabhängigkeit vom System der Gewöhnlichen Gefahren birgt, und natürlich ist der „Leistungsdruck“ ungleich größer.

Aber es ist eine auch eine komplett andere Liga. Die Einfachheit des Systems wird durch die gleichfalls simple Struktur der Abgeschiedenheit durchaus wettgemacht. Du riskierst täglich Dein Leben, und Fehler, auf die das System nur einen Satz heiße Ohren für Dich bereithielte, können in der Freiheit Dein Leben kosten. Aber vielleicht ist es eben diese tollkühne Einfachheit, die es mir antut.

Die Verschiebung der Pflichten macht die Pflichten an sich doch überhaupt erst deutlich, überhaupt erst erkenntlich. Denn von da an weiß ich, warum ich überhaupt arbeite. Es ist doch so einfach, ich arbeite, und esse, was ich mir erarbeite. Dass ich täglich den Tod riskiere, ist einfach ein Teil der Abmachung. Kann ich mir überhaupt erlauben, mir mein Leben beliebig zu erleichtern, indem ich die Regeln meinem Wünschen anpasse? Stelle ich mich damit nicht ein einer geradezu provokanten Weise über alles andere Leben? Weshalb sollte ich, der ich doch im Grunde so klein, so einsam, wenn nicht in der Gruppe schwach bin, nicht genauso hart um das Dasein kämpfen, wie jede andere Lebensform auch?

Die Gesellschaft ist so bequem, dass manche einfach die Lust zu leben nicht mehr spüren, oder nur in einer perversen Abart. Die Formen des Vergnügens tragen immer seltsamere Blüten, aber kaum noch jemand kennt die Freude, ja geradezu das Vergnügen, von sich behaupten zu können, er wäre allein überlebensfähig. Und nur wenige kennen den Geschmack einer selbst erarbeiteten Frucht.

All das, was ein freies Leben birgt, Triumph, Gefahr, Risiko, Tod oder Überleben, all das ist Leben überhaupt erst - wo bliebe die Herausforderung? Kein Tier hat es leicht, wieso wir? Kann ich überhaupt noch anders überleben?

Das ist meine Sicht einer Freiheit, die ich nicht erreichen kann. Warum verschwende ich überhaupt einen Gedanken daran...

Thealon


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Grüße an die Zukunft.

02.11.2003, 21:27
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Kidogo Gepard
acinonyx jubatus




Dabei seit: Februar 2002
Herkunft: Serengeti, hinten links

Beiträge: 518
Kidogo Gepard ist offline
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archies weg zur freiheit, ist lediglich der weg von einem laufrad in das andere. zwar hätte sein neues laufrad eine entgegengesetzte laufrichtung, jedoch dreht es sich ungleich schneller.

befreiung vom leistungsdruck in person eines selbstbestimmten, autarken individuums? beinahe tragisch muss es anmuten, suchte man im selbständigen - dadurch kompromisslosen weil geradezu binären – dasein die freiheit von aller leistungsorientierung. ist doch gerade das leben selbst die metapher auf den leistungsdruck und das in seiner „kapitalistischen“ reinstform.

als teil einer gesellschaft ist man stets ein mal kleiner, mal grösserer knochen des skelettes des „gesamttieres“. man gibt seine unabhängigkeit für die garantie des eigenen überlebens auf. und archie? der ist nun sein eigener predator – klein, jedoch selbstbestimmt und unabhängig und von nun an verpflichtet, für sich selbst zu sorgen. kein wolf an seiner seite.

die gewonnene freiheit ist ein trugbild. freiheit != unabhängigkeit. es ist nur eine veschiebung der überlebenspflichten. archie ist in ähnlich hohem masse lediglich ein gefangener des lebens.

wie erlangt ein knecht seines eigenen daseins die freiheit, ein untertan seiner bedürfnisse? allein der wunsch zu leben negiert die möglichkeit der freiheit. die freiheit zu fordern, heisst sich gegen sein dasein zu erheben. die freiheit ist der tod – befreiung von seinen pflichten als lebensform im irdischen sinne.

freiheit ist also keine frage der geographie, vielmehr die frage nach der form des daseins...


...jene, die nicht wissen, dass sie geistestrüb in ihrer selbstgemachten „scheisse“ sitzen, wissen auch nicht, dass es ihnen schlecht geht. sie nutzen die bequemlichkeit der gesellschaft und führen ein zufriedenes, wenngleich unwissendes, leben.

in wirklichkeit ist archie das „arme schwein“ und mit ihm all jene, die ähnlich fühlen.

02.11.2003, 03:51
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Lucky Lion
Löwe




Dabei seit: Februar 2003
Herkunft: Okavango Delta
Bayern (DE)
Beiträge: 736
Lucky Lion ist offline
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In der Tat ist es nicht einfach sein System zu verlassen wenn man so daran gebunden ist. Die Geschichte erinnert mich an das Buch „Metamorphosis“ von Pattarchta, in dem sich ganz am Anfang eine Familie von dem System verabschiedet und einsam und auf sich selbst gestellt in einer kleinen Hütte weiterlebt. Die Geschichte hat gezeigt dass diese gewonnene Freiheit nicht ganz so schön ist wie sie auf den ersten Blick scheint.

Ausserdem hat man „in Freiheit“ kaum noch Möglichkeiten etwas zu verändern auf der Welt. Man hat dann also gewissermassen die Welt aufgegeben und verlassen, oder nicht? Somit hätten wir uns die Chance genommen „die Welt zu verbessern“, was sie dringend nötig hätte. Aber andererseits: Wenn sich jemand dem System einfach nicht anpassen will/ kann, dann ist es verständlich wenn er es verlässt.


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"Die Menschen sind intelligent - Jedoch oft zu dumm ihre Intelligenz zu nutzen"

01.11.2003, 14:53
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Cat
Streunerin




Dabei seit: März 2002
Herkunft:
Rheinland-Pfalz (DE)
Beiträge: 1174
Cat ist offline
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Archie denkt so wie ich. Aber Wolf hat so genandelt, wie ich in seiner Situation gehandelt hätte.
Es ist schon so, wie ihr zwei es gesagt habt, dass man sich nicht einfach so losreißen kann und alles hintersich lassen könnte. Ich würde das zum beispiel nicht schaffen. Was wäre mit meiner Familie, meinen Freunden, meinem ganzen Leben, das ich habe?

Wäre ich abgehauen, abgehauen von dem ganzen Stress wie Archie, wäre ich frei. Da hat er wirklich recht. Doch ich weiß nicht, wie lange ich mich mit dem "frei sein ohne Verpflichtungen" wohl gefühlt hätte. Mensch, jeder braucht etwas, woran er sich halten kann. Ich habe etwas, was ich nicht loslassen kann, auch wenn ich es gerne wollte. Das ist die Pflicht, zu bleiben, zu arbeiten, gute Noten zu schreiben, die mir in mein Leben genäht wird.

Was die Noten angeht, finde ich es echt scheiße, dass Arbeitgeber auf Noten achten. Man kann in einem Fach super sein und doch die Klassenarbeiten versieben. Das ist normal. Es ist unfair

31.10.2003, 19:27
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Tai
Liebwolf




Dabei seit: März 2002
Herkunft: Tal-Tonsul

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Genau Thealon!
Gerade aus diesem Grunde, weil es scheinbar nur gerade auf uns jüngeren zutrifft, können wir uns perfekt damit identifizieren.

Anfangs scheint der Text nur auf die Schüler, die jungen Menschen im Leben übertragbar zu sein. Aber wenn man etwas überlegt, dann ist es mit den restlichen Menschen in der Welt auch nicht anders.
Beachtlich finde ich, dass das einem so jungen Menschen auffällt, dass etwas nicht stimmt. Sollte es nicht ein älterer Herr, oder Dame eher können? Hätten ja schließlich mehr Erfahrung gemacht. Oder hätten sie sich nur mehr und mehr in das System vertieft?
Gerade in den jungen Jahren stellen wir uns viele Fragen, wir sind Wissbegierig Mit zunehmendem Alter hören wir aber auf nachzufragen. Warum? Passt es den älteren ihr Leben nach dem System von Arbeitswelt und Heimleben zu gliedern? Muss wohl so sein, sonst wäre es schließlich anders.
So erscheint es mir wieder logisch, dass es nur, bzw. eher ein junger Mensch herausfinden kann, dass „etwas Komisches vor sich geht“.

Menschen ändern sich. Kann man zu mindest von den meisten ausgehen, dass sie es tun, sage ich mir. Die Überlegung von Archie, dass man mit Klausuren abgestempelt wird und dann „der und der Leistung“ zugeteilt wird kann ich nur zustimmen. Welcher Arbeitgeber kann wissen, dass man für seine Noten nicht geschummelt, oder einfach nur einen schlechten Tag hatte? Natürlich keiner, aber mit diesem System macht man es sich wieder „einfach nur einfach“. Anders wäre es ja viel zu kompliziert.

Wie hätte ich auf meinem Freund reagiert? Mit Sicherheit auch mit Bedacht. Archie hätte mich immens zum Nachdenken angeregt. Man wird ja quasi schon von Geburt an in „das System“ integriert. Familie, Freunde, Bekannte, Besitz, etc. von einem Tag auf den anderen zurückzulassen ist zwar eine nicht unmögliche Überlegung, aber dennoch würde es schmerzen. Es wäre egoistisch. Was soll man also sagen?
Klar, wenn ich nun keine Familie, Freunde oder Bekannte hätte, dann wäre die Entscheidung um einiges leichter. Aber geht es im Endeffekt nur um die eine Frage „gehst du mit?“ ?
Da steck noch mehr, wie nur eine einzelne Frage dahinter „gehst du mit?“ in anderen Worten würde die Frage nämlich lauten „kannst du dich von deinem System lösen und es ohne über die Schulter zu blicken zurücklassen?“

Und da muss ich demütig den Kopf senken, es würde nicht funktionieren...

Wenn mein Freund sein Ziel darin sieht „das System“ zu verlassen, bzw. er war ja nie wirklich integriert, dann ist mir das recht und ich würde es akzeptieren. Denn aus seiner Sicht ist es einfach zu gehen. Er war nie wirklich integriert und deswegen ist es für ihn auch kein Problem. Er sieht das „Schlechte“, was wir Integrierten nicht sehen, weil es für uns vielleicht gar nicht so schlecht ist?
Ich würde bei meinen Freunden bleiben, denn in einem anderen Land habe ich nichts, was mich hält, so wäre ich ruhelos.
Für Archie ist es ja egal, weil es für ihn nichts gibt, was ihn hält. Und da seh ich den Unterschied zwischen Wolf und Archie.

Aber irgendwas is ja immer


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"versprich mir etwas tai, wenn ich aus irgend ein
grund es nicht schaffe und verschwind von erdboden eines tages, egal wann, nicht traurig sein darueber ja?"

In Gedenken an Panther, am 13.02.03 | † am 22.02.03

31.10.2003, 18:33
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Thealon
Tripel-As




Dabei seit: April 2003
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Thealon ist offline
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Diese Geschichte spricht mich in einer Weise an, in der es kaum eine andere vermag... Fantastisch, das ist, was ich dazu nur sagen kann.

Ich kann Archie verstehen, sehr gut sogar. Denn auch mir kam dieser Gedanke nicht selten. Zugegeben, ich dachte nicht an ein Kloster, aber Archie spricht mit dem, was er sich von einem abgeschieden Leben erhofft, mir aus der Seele. Weshalb tue ich mir diese Welt an, in der nur Leid passiert, in der man der Gunst und Ungunst der anderen schutzlos ausgeliefert ist, und wo man in einer Weise gewertet wird, die jedem lebenden Wesen im Grunde unwürdig ist. Ich kann nicht gehen, wohin ich will, ohne mich vor der halben Welt zu rechtfertigen, sie um Erlaubnis zu bitten. Ja, ich kann Archie verstehen, aber nein, ich hätte nicht anders als Wolf gehandelt.

Der Gedanke der Ferne, der Freiheit, so verlockend ist er, und zu diesem Zeitpunkt noch so nahe dazu. Ich bekäme die Chance, frei zu sein. Ein Leben in Frieden zu führen, ein Leben, dass mich nimmt, wie ich bin. Es wird mich nicht werten, nicht kategorisieren, oder mir meine Zukunft diktieren. Aber um welchen Preis.

Ich kann nicht gehen, nicht, ohne Familie und Freunde zurück zu lassen, ohne dem den Rücken zu kehren, was mir das Leben hier lebenswert machte. Es ist egoistisch, sich selbst ein freies Leben zu gönnen, und jedermann, der nicht die Mittel, oder auch nur den Mut hat, sein Leben zu ändern, die selbst so verhasste Existenz indirekt aufzuzwingen - oder schlimmer, mit ihr zurück zu lassen. Und wer sagt mir, dass ich mir die Welt nicht ein bisschen zurecht biegen kann?

Wer sagt mir, dass ich mir nicht die Welt, in der ich hier und jetzt lebe, schön mache? Mit meinen Freunden, mir meiner Familie. Ich muss mir nicht sagen lassen, was ich zu tun habe, oder zu werden. Täte ich es, nähme ich mir selbst mehr Freiheit, als alle anderen dieser, meiner Welt es könnten. Ich werde die Freiheit vermissen, die mich in der Ferne erwartete, und ich werde es immerfort tun. Aber ich werde die Freude genießen, die mir die Existenz hier gibt, und die Freiheiten, die mir damit vergönnt sind.

Vielleicht bin ich eines dieser armen, angepassten Wesen, aber das ist meine Stärke.

Thealon


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Grüße an die Zukunft.

28.10.2003, 18:28
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Tai
Liebwolf




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Indien

Wolf schlenderte lustlos über den Schulhof und verzehrte sein Pausenbrot, als ihm plötzlich jemand von hinten auf die Schulter klopfte. Er fuhr herum und hustete, ein paar Krümel waren ihm vor Schreck in die Luftröhre gerutscht.
Archie blickte ihn besorgt an. „Oh, entschuldige, Wolf, das wollte ich nicht.“ Er klopfte ihm ein paar Mal auf den Rücken. „Geht’s jetzt besser?“ Wolf nickte hustend. Tränen standen ihm in den Augen. „Tut mir ehrlich leid, Wolf, ich wollte dich nicht erschrecken. Kommst du ’n Stück mit hier entlang?“
Der Brocken hatte sich aus Wolfs Kehle gelöst, er holte tief Luft und blinzelte, um wieder sehen zu können. „Ist ja nicht so schlimm“, meinte er. Seine Stimme krächzte noch ein bisschen.
„Na ja“, sagte Archie, „aber dein Gesicht ist richtig rot angelaufen. Du hast mir ’nen schönen Schrecken eingejagt.“
Sie gingen nebeneinander den Weg zum Schulteich hinunter. Links und rechts spielten die jüngeren Schüler Gummitwist, Fangen und Fußball oder rauften. Archie deutete mit einer Hand um sich.
„Schau sie dir an, Wolf“, sagte er. „Schau sie dir doch an. Diese armen Schweine. Noch so angepasst, dass sie die von der ganzen Scheiße, die um sie herum passiert, nichts mitkriegen. Und in ein paar Jahren sind sie soweit, dass sie selbst mitten in der Scheiße drinstecken und es nicht merken oder ganz in Ordnung finden. Aber ich sage dir, das ist nicht in Ordnung. Diese ganze Scheiß-Gesellschaft hier ist kaputt, die verfault. Anstatt dem Menschen zu helfen, macht sie ihn fertig.“
Er blieb stehen und packte Wolf am Arm. „Mensch, Wolf, ich halt das nicht mehr aus.“
Wolf war konsterniert. Er blickte erstaunt auf die hand, die ihn festhielt und dann auf Archie. Der ließ ihn los. „Wovon sprichst Du überhaupt?“ fragte Wolf.
Archie ging langsam weiter. „Wovon spreche ich! Wovon!“ Archie redete mehr zu sich selbst, als dass er Wolf direkt ansprach. „Mann, zum Beispiel von der Schule. Guck dir das doch bloß mal an, wie das bei uns zugeht. Da wird dir irgendein blödsinniger Text vorgesetzt, von dem du nicht weißt, ob du ihn später mal brauchen kannst und dann sollste darüber reden. Und anschließend kriegste ’ne Zensur dafür. Und mit der Zensur bist du abgestempelt. ’Schüler Archie Wendel. Sie haben die und die Leistung erbracht, Sie sind so und soviel wert. Und später einmal dürfen Sie dann so und soviel Gehalt erwarten, weil sie diesen text mit der und der Leistung interpretiert haben.’ Nicht danach wirst du beurteilt, was dir der Text bringt und ob er dir überhaupt etwas bringt, sondern danach, in wie weit du irgendein hochgestochenes Zeug herausholst. Aber…“, er wandte sich wieder um, „aber die Wahrheit ist nicht hochgestochen. Die ist elementar, die ist überall drin.“
Er trat zu einer alten Eiche, die am Wegrand stand und umklammerte den Stamm mit ausgestreckten Armen, so weit er konnte.
„Schau dir den Baum an“, sagte er und blickte in das grüne Laubdach über ihm. „Der ist Wahrheit. Der ist echt. Den kann ich fühlen. Formeln kann ich nicht fühlen, Vokabeln auch nicht. Aber der Baum hier…“
Er schwieg. Mit einem Ruck löste er sich vom Stamm und ging zu Wolf, der leicht befremdet auf seinen Freund blickte.
„Du denkst, ich sei verrückt, wie? Natürlich, bin ich auch. Ich glaub ja selbst, dass ich verrückt bin. Dass ein System falsch ist, merkt man erst, wenn man nicht mehr angepasst ist. Und wenn man nicht mehr drinsteckt, dann ist man für die Angepassten verrückt, oder man hat ’nen Spleen, oder ist nicht ganz zurechnungsfähig oder so. Komm, gehen wir weiter.“
Beide gingen schweigend die letzten Meter zum Schulteich, ließen sich auf einer Sitzgruppe nieder. Erst jetzt begann Archie wieder zu sprechen.
„Weißt du“, sagte er, „manchmal möchte ich raus aus der ganzen Scheiße. Einfach abhauen, irgendwohin, wo es besser ist, als hier.“
„So?“ fragte Wolf. „Und wohin willst du gehen? Mensch, Archie, der Dreck ist doch überall derselbe. Leistungsdruck gibt’s überall. Die haben die in Amerika genauso am Arsch, wenn du nichts spurst, wie hier, in Italien genauso wie in Frankreich, in Russland oder in der DDR.“
Archie überlegte. Dann meinte er: „Na gut, hier ist das vielleicht so, aber in Indien ist das anders. Da will ich mal hin, nach Indien oder Nepal. Also in Indien oder Nepal, da sind die Leute wirklich frei. Die sind relaxed, da ist das alles anders. Ich halt das nicht mehr aus“, schrie er plötzlich laut. Wolf drehte sich ängstlich um, ob auch keine Aufsicht führender Lehrer seinen Freund gehört hatte, doch niemand blickte in ihre Richtung und so wandte er sich aufatmend wieder zu Archie zu. „Ich geh nach Indien“ sagte dieser.
„Überleg mal, die Mönche da in ihren Bergklöstern, die wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, auch ohne Leistungsdruck und Konsumsucht. Die haben ’nen direkten Draht zu sich selbst. Die erforschen ihren inneren Raum, das, was ganz tief in ihnen selbst drin ist. Wir hier in den ’zivilisierten’ Ländern haben das längst verlernt“, schloss er bitter. „Wolf“, fragte er unvermittelt, „Wolf, ich geh nach Indien. Kommst du mit?“
Als Archie erzählt hatte, hatte Wolf genau gespürt, dass es ihm selbst in Wirklichkeit ähnlich ging. Auch ihm missfiel dieses leistungsorientierte Dasein gekoppelt mit psychischer Schwindsucht, das ihm aufgezwängt wurde. Ein Leben, das die „inneren Räume“, wie Archie sie genannt hatte, verkümmern ließ und ganz zu der materiellen Seite hin ausgerichtet war. Nachdenklich sah er auf Archie, den einzigen aus der ganzen Schule, den er mochte und dem er ebenfalls etwas bedeutete, so hoffte er jedenfalls. Archie, den „Spinner“, wie er genannt wurde, Archie, den Ausgeflippten, der andauernd high aussah, obwohl er nie Hasch oder ähnliche Drogen angerührt hatte, Archie, der ihn jetzt erwartungsvoll anblickte.
„Wann?“ fragte Wolf nur.
„Gleich morgen früh, so schnell, wie möglich“, antwortete Archie ohne Zögern.
„Aber, äh, willst du nicht erst noch ein bisschen warten, ich meine bis du die Schule hinter dir hast und du richtig Geld verdienst? Schau mal, die Reise kostet auch ’ne Menge Geld und warum soll man sich nicht erst mal anpassen und es zu etwas bringen, bevor man mit allem Schluss macht? Ich meine, also, so ein Entschluss will doch auch überlegt sein. Aber wenn wir das Geld zusammenhaben, dann komme ich bestimmt mit, Archie, das versprechen ich dir. Dann gehen wir nach Indien. Zusammen.“ Wolf stotterte. Archies Gesichtsausdruck hatte ihn irritiert. Archie sah immer trauriger drein, bis er, nachdem Wolf geendet hatte, sagte: „Wolf, weißt du was? Du tust mir leid. Du bist genauso ein armes angepasstes Schein wie all die anderen auch. Du willst überhaupt nicht gehen. Du kannst es nicht. Du sitzt schon so weit in diesem System von Druck und Konsum drin, dass du gar nicht mehr raus kannst. Schade und ich dachte, du wenigstens könntest es.“
Er drehte sich um und ging einfach fort. Wolf blieb auf seinem Holzklotz sitzen und starrte nachdenklich ins Wasser des Teichs. Archie hatte recht. Er konnte gar nicht fortgehen und wollte es auch nicht. Trotzdem fühlte er sich jetzt miserabel. Er hatte das unbestimmte Gefühl, irgendetwas für immer verloren zu haben, das er dringend brauchte, aber er wusste einfach nicht, was es war. So saß er noch eine Weile und grübelte und als es ihm nicht einfiel, ging er schließlich alleine zur Schule zurück.

Heinz Grew, Schüler, aus: Hassio, Brigitte (HRsg.):
Schüler, Weinheim, Basel 1980




Nun versetzte dich mal in Wolf. Wie hättest du reagiert? Hättest du nich das gleiche geantwortet?


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In Gedenken an Panther, am 13.02.03 | † am 22.02.03

Dieser Beitrag wurde von Tai am 28.10.2003, 15:25 Uhr editiert.

28.10.2003, 15:17
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